Der Elefant im Serverraum
In den letzten Monaten war ich auf einigen Veranstaltungen zum Thema KI in der Architektur — vom AMM-Symposium „AI Shift” bis zu den Digital Talks der Berliner Architektenkammer.
Mein Eindruck: Es dreht sich viel um einzelne Teilbereiche. Generierte Bilder. Datengestützte Planung. Schreibaufgaben.
Datenschutz, Haftung, Ethik, Nachhaltigkeit — die treuen Begleiter jeder Diskussion. Zu Recht.
Was ich kaum höre, ist die Frage eine Ebene höher. Nicht: welche Werkzeuge unsere bestehenden Prozesse schneller machen. Sondern: Wie hätten wir unseren Beruf und unsere Büros gedacht, wenn wir sie heute noch einmal von null denken würden — mit KI in der Tasche, von Anfang an?
Das ist zu groß für einen Beitrag. Also nehme ich mir ein Stück davon vor: den Umgang mit Wissen und Information.
Denn hier versickert in unseren Projekten täglich etwas. In persönlichen Postfächern. In vergessenen Teams-Chats. In Köpfen. Das gesamte Wissensmanagement eines Architekturprojektes ist extrem fragmentiert — und genau dort sehe ich den großen Hebel.
Eine der neuen Methoden, damit umzugehen, hat für mich vorläufig einen Namen: das Projektgedächtnis. KI als kollektives Gedächtnis eines Projekts — eine Schicht über der ganzen Datenstruktur: E-Mails, Protokolle, transkribierte Besprechungen. Alles indiziert, alles im Kontext verknüpft.
Heute steckt dieses Wissen in Köpfen. Die Kollegin, die von Anfang an dabei war, weiß, warum wir die Fassade im September noch einmal geändert haben. Der Kollege, der im Oktober dazukam, fragt sie. Sie ist im Urlaub. Er fragt jemand anderen.
Das Projektgedächtnis fragt man wie diese Kollegin — nur ist es nie im Urlaub. „Warum haben wir die Fassade im September geändert?” Antwort in zwei Sätzen, mit Quellen. Für alle im Projekt erreichbar. Gleichzeitig.
Und genau hier wird es unbequem.
Eine KI, die alles mitliest, ist technisch nicht weit von einem Werkzeug entfernt, mit dem man nachsieht, wer wann was geschrieben hat. Aus „kollektivem Gedächtnis” wird schnell „lückenlose Aufzeichnung”.
Mein erster Reflex ist, das wegzuräumen: private Chats außen vor, klare Regeln, wer was abfragen kann. Klingt sauber.
Aber so einfach ist es nicht. Wer haftet, wenn die KI eine vertraulich gemeinte E-Mail zitiert? Ab wann liest ein System nicht mehr mit, sondern überwacht? Und würde ich selbst anders schreiben, wenn jede Zeile durchsuchbar ist?
Hier weiß ich am wenigsten. Vielleicht der Punkt, an dem die ganze Idee steht oder fällt.
Keine fertige Antwort. Aber die Frage finde ich wichtig genug, um sie laut zu denken.
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Ursprünglich am 1. Juli 2026 auf LinkedIn veröffentlicht.